Woche 5: Pagodenfest und Weihnachtsdinner

An alle lieben Menschen, die an meinem Einsatz in Mingun interessiert sind!

Ein Dorf erwacht: Die Nacht ist hier um drei Uhr morgens vorbei. Zu dieser frühen Stunde beginnt das Gebet der Mönche in den kleinen und großen Klöstern im Ort. Von der Ferne erschallen dumpfe Trommelschläge, im Rhythmus des Herzschlags. Es folgt der religiöse Gesang, der eine gute halbe Stunde dauert: ein Vorsänger, der Chor antwortet. Dann wird es wieder für einige Zeit still im nächtlichen Mingun. Es bellt ein Hund, durch etwas aufgeschreckt. Kurz darauf zwitschern die ersten Vögel im Baum vor meinem Fenster. Auf dem Irrawady tuckert einer der vielen Lastkähne durch die Dunkelheit. Ein Hahn kräht in der Nachbarschaft. Seine Brüder im Stall des Klosters antworten ihm. Ein Frühaufsteher wirft sein Moped an und entschwindet, wohin auch immer. Die nächsten Mönche, nun in der Nähe, beginnen ihre Andacht mit einem Xylophon-Spiel. Danach ertönt der meditative Gesang eines einzelnen Mönchs. Es ist eine kleine Gemeinschaft. So gegen sechs Uhr geht eine fleißige Hausfrau durch den Ort. Sie hat schon früh Feuer gemacht, die Fettpfanne aufgestellt und Tofu gebraten. Den bietet sie nun mit lauter Stimme allen hungrigen Mitbewohnern zum Frühstück an. Ihr kräftiger Ruf besteht aus mehreren Worten, beim letzten Wort geht sie mit der Stimme hoch und zieht es in die Länge. Die dampfende Speise trägt sie mit allen weiteren Zutaten in einem Korb auf dem Kopf. Dann gibt es auch schon Teashop-Gäste, der Fernseher läuft bereits: buddhistische Gesänge zur Morgenandacht. Die ersten Kleinlaster chinesischer Bauart starten durch. Es sind kuriose Fahrzeuge ohne Führerhaus und ohne Motorhaube, wo man schön im Freien sitzt, einen langen Ganghebel neben sich und vor sich das Lenkrad, den Motor und die drei mit Riemen verbundenen Schwungräder, das einzigen Licht über dem Tank montiert und der Auspuff in Höhe des Fahrers, damit er die volle Dröhnung der Abgase inhallieren kann. Diese Krachmacher fahren oft zu Baustellen. Sie transportieren Sand, Zement oder Steine, die Arbeiter stehen gleich hinten drauf auf der Ladefläche. Der Verkehr nimmt zu, Mopeds hier und dort, alte und nagelneue, bunte. Es wird gehupt auf Teufel komm raus. Dann sieht man die Schar der Mönche, die zu Fuß unterwegs ist und die ersten Hausfrauen, die schon wieder vom Markt zurückkommen mit ihrem Tageseinkauf.
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Diese Woche ist “Pagoda-Festival” im Dorf. Die 160 Mönche, die es in Mingun gibt, erhalten von der Bevölkerung Geschenke. Dafür wird von der Pagode aus mit schwungvoller Musik geworben. Die Lautsprecher leiht man von den umliegenden Ortschaften aus, herbeigeschafft werden sie mit primitiven kleinen Lastern. Die jungen Männer des Dorfes packen an, der Ortsvorsteher ist zum Organisieren da, hängt nur am Telefon, bereits morgens in seinem zentralen Amstzimmer, dem Teashop. Im Laufe des Tages wird die Musik unterbrochen durch einen ausgedehnten Soundcheck, um das Mikro zu prüfen. Das wird anschließend gebraucht, um die Geldspender mit Namen und gespendeter Summe durchzugeben. Meine Spende wurde im Buch registriert und ich wurde bei der Durchsage benannt als “Ma Christine, Jermany”, hörbar vom ganzen Dorf. Diese Liste wird während des Tages öfters wiederholt, bis in den Abend hinein. Wenn man 100 m Luftlinie von der Pagode entfernt wohnt, ist an frühes Schlafengehen nicht zu denken. Den ganzen Tag laufen Pilgerscharen am Kindergarten vorbei, viele mit Tüten bepackt, in denen sich die Sachspenden befinden. Man schenkt den Mönchen Wolldecken, warme Wintermützen, Küchengeräte, Roben, Regenschirme, sicher auch Handys, wo sollen sie die sonst herhaben? Es ist auch viel zum Essen auf den Gabentischen, Obst und Kekse. Die Tische werden kurzerhand vom Kindergarten ausgeliehen, er ist ja in der Nähe und gut ausgestattet. Da müssen die Erzieherinnen morgen wieder imporvisieren. Doch das ist alles keine Affäre, das ist Alltag.


Zu diesem Tempelfest ist es Brauch, bestimmte Süßspeisen zuzubereiten und dazu Freunde einzuladen. So kamen nachmittags zwei Schülerinnen vorbei und sagten, dass ich in einer halben Stunde bei Leuten eingeladen bin. Zum Glück hatte ich meinen Unterricht bereits fertig vorbereitet und war frisch geduscht. Dann gings in das erste Haus, mir bekannt, vier verschiedene Arten von Süßigkeiten auf dem Tisch, meist aus Kokosnuss, Erdnüssen und viel Zucker hergestellt. Dazu wurden noch kunstvoll drapierete Mandarinen- und Apfelschnitze gereicht. Nächstes Haus, das gleiche Angebot mit kleinen Unterschieden, jede Hausfrau hat ihre eigene Note. Ein Haus weiter, das selbe Spiel, unterschiedlich nur die Empfangsräume und die Bestuhlung. Am Boden sitzen ist für mich nicht so komfortabel. Nun wirds schon langsam klebrig im Mund. Im folgenden Haus gibts Tee dazu, Gott sei Dank. Am besten hält man sich an die durch Aga Aga gelierte Kokosnußmilch, in Rauten geschnitten. Erinnert ein bißchen an Wackelpudding, enthält jedoch deutlich weniger Chemie. Auf diese Art und Weise haben wir sage und schreibe acht Haushalte besucht, mal mit Kindergartenkindern, mal ohne. Mitten auf der Strecke bekamen dann meine Schülerinnen und ich die Einladung zum Dinner nach dem abendlichen Unterricht. Da kommt Freude auf! Kämen diese Einladungen nicht so überfallartig, könnte man morgens die Gesamtkalorienaufnahme etwas besser planen. Bestimmt hätte ich dann aufs Mittagessen verzichtet.

Am folgenden Tag holen die Mönche ihre Geschenke ab, so früh, dass ich nur noch die letzten dabei beobachten kann. Abends spricht noch ein wichtiger Klostervorsteher zur Gemeinde. Meine Schülerinnen wollten frei haben. Sie ziehen sich, wie die meisten Frauen, ein weißes Oberteil und einen braunen Longi an und legen sich den Gebetsschal über die Schulter. Wir hatten wegen des Festes zwei Abende Unterricht unter verschäften Bedingungen: immer lautstarke Musik im Hintergrund, trotz geschlossener Fensterläden und Türen. Diese Bedingungen werden eigentlich nur noch getoppt von “Unterricht bei Stromausfall”. Dies passiert nicht mehr jeden zweiten Tag wie früher, doch oft genug, dass es zum Verzweifeln ist. Ist das Licht weg, geht ein kleiner Seufzer durch meine Mannschaft. Mit traumwandlerischer Sicherheit werden die Kerzen aus der Schublade geholt und mit Wachstropfen auf den improvisierten Kerzenständern befestigt. Die jungen Gesichter sind romantisch erleuchtet. Ich denke: “Fünf Kerzen, hoppla, ist schon 5. Advent?” Ich stelle schnell den Unterricht um, denn etwas vorzeigen ist ja in der Dunkelheit nicht mehr drin. Ist früher oder später der Schaden behoben, ertönt ein frohes Lachen, die Kerzen werden ausgeblasen. Das Dorf hat wieder Strom!

Seit Montag hat sich bei uns die Malertruppe eingefunden, um die Regale und Schränke der neuen Bücherei zu streichen. Unter ihnen ist auch Soe Paing, den ich seit drei Jahren kenne. Er ist Kyaw Kyaws Freund und hat in seiner Freizeit schon viel für den Kindergarten gearbeitet. Im Dorf ist er als Maler ein gesuchter Fachmann. Er hat aus seiner Begeisterung am Streichen durch viel Erfahrung einen Beruf entwickelt. So geht das hier: ganz ohne Lehrherr, Berufschule oder Gesellenprüfung. Seit kurzem hat er Familie. Seine winzig kleine Tochter kam vor vier Wochen auf die Welt. Bei der ersten Geburt gehen die jungen Frauen neuerdings meist ins Krankenhaus. Es gibt in Mingun einen Krankenwagen, der sie dann nach Sagaing oder Mandalay fährt. Sie haben auch Dorfhebammen, Frauen mit Erfahrung, die den Gebärenden beistehen. Kommt ein Sohn zur Welt, sind die Männer natürlich stolz, doch auch über Mädchen ist die Freude groß. Die Birmesen sind unglaublich kinderlieb. Dies fällt vor allem bei Vätern und Großvätern auf. Schon die kleinen Babys werden von ihnen herumgetragen, überall mitgenommen, gefüttert und versorgt. Überhaupt freut man sich, wenn ein Kind gut gedeiht, aktiv und clever ist. Ein Problem ist der Vitaminmangel unter den Kindern. Früchte haben sie ja schon, doch ist die sonstige Ernährung sehr einseitig. Reis ist der Hauptbestandteil der täglichen Nahrung. Fleisch kommt so gut wie nie auf den Tisch oder nur in kleinen Mengen, Kuhmilch ist eine Rarität, hat sicher wenig Fett und verdirbt leicht. Insgesamt finde ich die birmesische Küche wenig raffiniert. Als Gewürze kommen vereinzelt Ingwer und Knoblauch zum Einsatz, natürlich Chilli, mal mehr, mal weniger. Vielfältige Würzmischungen, wie z. B. in Indien, sind hier unbekannt. Ihre Reistafel besteht auch immer aus den gleichen Schälchen, wenn man nicht grad in ein sehr spezielles Restaurant geht. Außer der faden Gemüsesuppe ist alles kalt, auch der Reis, den man als Klumpen auf dem Teller hingestellt bekommt. Viele Menschen essen hier im Dorf mit den Fingern. Im Lokal erhält man entweder Eßstäbchen oder eine Gabel und einen Löffel. Ein Messer ist nicht nötig, da alles kleingeschnitten ist, auch die Fleischstückchen, meist mit Knochen. Es wird viel Fett zur Zubereitung verwendet, oft wird frittiert. Erdnußöl kommt häufig zum Einsatz, Erdnüsse wachsen ja um die Ecke im Ufersand des Irrawady. Die Familie einer Schülerin hat gerade mit der Erdnußernte viel zu tun.

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Am Freitagabend haben wir unser Weihnachtsdinner genossen. Alle Mitarbeiterinnen des Kindergartens und Kyaw Kyaw mit Frau haben daran teilgenommen. Wir waren im besten Lokal am Platz: außergewöhnliche Gerichte und all das mit Blick auf den Irrawady. In dieses Restaurant wird man gebeten, wenn die Prominenz einlädt. So war es für uns gerade gut genug. Ich habe die herrliche Tischplatte aus weinrotem Naturholz mit silbernen Teelicht-Sternen weihnachtlich dekoriert. Nach dem Essen, das für alle etwas Besonderes war, haben wir noch die DVD von Kyaw Kyaws Hochzeit angeschaut. Ein gelungener Abend!

Das Wochenende brachte viel Arbeit. Am Samstag gab es ganztags Unterricht, am Sonntag nachmittags. Er macht nach wie vor allen Beteiligten großen Spaß. Auch die junge Mutter, die noch Teilzeit im Kindergarten mitarbeitet, versucht so gut es geht, teilzunehmen. Ist der sieben Monate alte Sohn zuhause bei der Schwiegermutter unruhig, so wird er kurzerhand gebracht, nebenher gestillt und es wird weitergelernt. Er geht dann von Schoß zu Schoß. Wenn er jemandem auf den Longi pinkelt, wird gelacht und dem Kind einfach eine trockene Hose angezogen. Die junge Mutter ist diejenige, die sich am Ende des Unterrichts am überschwänglichsten bedankt für meine Lehre.

Langsam gehe ich auf die Ziellinie zu. Wir schlossen so manche Unterrichtseinheit bereits ab.

In der kommenden Woche steht die Vorbereitung auf die Novizen-Feier an. Ich bin dankbar für jede Möglichkeit, bei der ich Einblick bekomme in das Denken und Fühlen der Menschen, die mich umgeben. Das ist, meinem Empfinden nach, die Gegengabe, die ich für meinen Einsatz erhalte.

Zuhause beginnt nun die “Woche zwischen den Jahren”, eine Zeit, die ich gerne mag. Ich wünsche allen aus dem kleinen Mingun am großen Irrawady eine geruhsame Zeit, herzlichst Christine

28.12.2015 Christine Kießling

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